AWE Technologien und Gesellschaft
Kritische Theorien zur Digitalisierung des Lebens
Prof. Verónica Orsi
12. Oktober 2026

Die Guckguck-Welt

Neil Postman,
„The Peek-a-Boo World“ (1985)

Was ein Kapitel über den Telegrafen
mit unserem Feed zu tun hat

Referat von
Markus und
Fabrizio

Zuerst ein Test

Wer hat heute schon Nachrichten gesehen, gehört oder gelesen?

Und wer hat deshalb heute etwas anders gemacht als geplant?

Bei allen anderen blieb die Nachricht ohne Folgen. Postman nennt dieses Verhältnis von Information und Handeln die information-action ratio (S. 68).

Testfrage nach Postman 2005 [zuerst 1985], S. 68. Alle Seitenzahlen im Referat beziehen sich auf diese Ausgabe; die Übersetzungen sind von uns.

Für Postman könnte Huxley recht behalten, nicht Orwell

Neil Postman1931–2003, Professor an der New York University

  • gründet dort 1971 den Studiengang „Media Ecology“ (Medienökologie)
  • 1985 erscheint Amusing Ourselves to Death, im selben Jahr auf Deutsch: Wir amüsieren uns zu Tode
George Orwell, 19491984

Der Staat nimmt uns die Bücher weg.

Aldous Huxley, 1932Schöne neue Welt

Niemand will mehr Bücher lesen. Alle sind gut unterhalten.

1234567891011
Kapitel 1 bis 5: die Welt des gedruckten WortesKapitel 6 bis 11: die Welt des Fernsehens

Kapitel 5 erzählt, wie die eine Welt in die andere kippt.

Lebensdaten: New York University, Nachruf 2003; Encyclopaedia Britannica. Orwell und Huxley: Postman 2005, Vorwort und S. 80. Aufbau: Inhaltsverzeichnis der deutschen Ausgabe (Verlag S. Fischer, 1985).

Vom Telegrafen über die Fotografie zum Fernsehen

Achsegestaucht 1833New York Sun,Zeitung für einen Cent 1839Daguerre stellt seinFotoverfahren vor 1844erste elektrischeTelegrafenlinie der USA 1848Associated Press(Postmans Angabe) 1854Thoreau spottetin „Walden“ 1858erstesAtlantikkabel 1913erstesKreuzworträtsel 1936FotomagazinLife 1985PostmansBuch
ab 1844

Telegraf

Die Nachricht löst sich von ihrem Ort.

ab 1839

Fotografie

Das Bild löst sich aus seinem Zusammenhang.

im 20. Jahrhundert

Fernsehen

Beides zusammen zieht ins Wohnzimmer.

Daten: Library of Congress; Metropolitan Museum of Art; Postman 2005, S. 64–80; Thoreau 1854; IEEE Spectrum 2019; CBS News 2013; Encyclopaedia Britannica. Associated Press: nach Smithsonian Magazine 2021 schon ab 1846.

1844 verlässt die Nachricht ihren Ort

Bis dahin reist eine Nachricht nur so schnell wie ihr Bote (S. 64).

Samuel Morse trennt Nachricht und Transport. Am 24. Mai 1844 geht die Linie Washington–Baltimore in Betrieb.

“… but Maine and Texas, it may be, have nothing important to communicate.”

Vielleicht haben Maine und Texas einander gar nichts Wichtiges zu sagen.
Henry David Thoreau, 1854 (zitiert auf S. 65)

24. Mai 1844, die erste Botschaft
What hath God wrought
25. Mai 1844, die Zeitung Baltimore Patriot (S. 66)
… we are thus enabled to give our readers information from Washington up to two o’clock. This is indeed the annihilation of space.
Postman nennt das kontextfreie Information: Eine Meldung muss zu nichts mehr nützen. Es genügt, dass sie neu ist und neugierig macht. Information wird zur Ware (S. 65).
Postman 2005, S. 64–67. Thoreau: Walden (1854), Kapitel „Economy“. Erste Botschaft: Library of Congress, „Today in History“.

Was der Telegraf mit Nachrichten macht

belanglos

irrelevance, S. 67–68

Meldungen aus aller Welt, die mit dem eigenen Leben nichts zu tun haben.

machtlos

impotence, S. 68–69

Mehr Information, als man nutzen kann, und kaum eine Möglichkeit zu handeln. Die Meinung landet in einer Umfrage, die Umfrage wird zur nächsten Nachricht.

zusammenhanglos

incoherence, S. 69–70

Jede Meldung steht für sich und verdrängt die vorige. Man hat von vielem gehört und weiß über wenig Bescheid.

Postman 2005, S. 65–70. Die drei Schlagworte sind unsere Übersetzung von irrelevance, impotence, incoherence.

Einem Foto kann man nicht widersprechen

Ein Baum. Dieser eine, in diesem Moment.
BaumDas Wort meint alle Bäume. Es ist schon ein Gedanke.
  • Ein Foto zeigt etwas. Erst die Sprache sagt etwas darüber (S. 72).
  • Es bezeugt, aber es behauptet nichts. Also kann man ihm nicht widersprechen (S. 72–73).
  • Es braucht kein Davor und kein Danach: eine Welt aus einzelnen Momenten (S. 73–74).
  • Viele glauben nun eher, was sie sehen, als was sie lesen (S. 74).
Postman 2005, S. 71–74; dort gestützt auf Susan Sontag, „On Photography“ (1977), und Gavriel Salomon.

Kennt ihr die Illyx?

„Die Illyx ist eine wurmförmige Pflanze mit gegliederten Blättern. Sie blüht zweimal im Jahr auf der Insel Aldononjes.“

„Hier, ich habe ein Foto.“

Pflanze und Insel hat Postman erfunden. Satz und Foto stützen sich gegenseitig, und es fühlt sich an wie Wissen. Mit dem, was wir schon wissen oder vorhaben, hat es nichts zu tun (S. 75).

Illyx auf Aldononjes
Gelernt: nichts
Gedankenexperiment aus Postman 2005, S. 75, von uns frei übersetzt. Die Zeichnung ist von uns; ein Foto der Illyx gibt es nicht.

Wohin mit all den Fakten?

Quizfrage, Kategorie Unterhaltung

Wie oft wurde das Spiel Trivial Pursuit allein im Jahr 1984 verkauft?

Und was fangt ihr jetzt mit dieser Zahl an?

Ihr habt sie gerade benutzt: zum Raten.

Pseudo-Kontext

Ein erfundener Anlass, bei dem nutzloses Wissen nützlich wirkt. Sein einziger Zweck ist Unterhaltung (S. 76).

Postmans Beispiele:

KreuzworträtselCocktailpartyQuizshowTrivial Pursuit
Verkaufszahl: The Strong National Museum of Play, „Trivial Pursuit“. Begriff: Postman 2005, S. 76; angelehnt an Daniel Boorstins „Pseudo-Ereignis“ (The Image, zuerst 1962).

Neun Meldungen in 20 Sekunden

20 Sekunden Guckguck-Welt

Bitte nur zuschauen.

Welche Meldung kam als zweite?

Und nach welcher hättet ihr etwas tun können?

  1. Washington, 13 Uhr: Antrag zur Oregon-Frage abgelehnt, 79 zu 86echt: Baltimore Patriot, 25. Mai 1844, die erste bekannte Zeitungsmeldung per Telegraf
  2. Promi-Paar trennt sich nach drei Monatenvon uns erfunden
  3. König von Preußen zu krank für Besuch bei Queen Victoriaecht: Depesche durch das erste Atlantikkabel, 27. August 1858
  4. Erdbeben der Stärke 6,1 vor ferner Küstevon uns erfunden
  5. Prinzessin Adelaide hat KeuchhustenThoreau, 1854: als Spott erfunden
  6. Morgen Regen, ab Mittag Gewittervon uns erfunden, aber die einzige Meldung, nach der man handeln kann
  7. Illyx blüht auf AldononjesPostman, 1985: als Beispiel erfunden
  8. Minister tritt zurückvon uns erfunden
  9. Katze fährt 300 Kilometer im Motorraum mitvon uns erfunden
Die Guckguck-Welt: Mal taucht dieses Ereignis auf, mal jenes, und gleich ist es wieder weg. Ohne Zusammenhang, ohne Folgen, aber sehr unterhaltsam (nach S. 77).

Gegen das Spiel hat Postman nichts. Jeder baut mal Luftschlösser. Schwierig wird es, wenn wir darin wohnen (S. 77).

Definition sinngemäß nach Postman 2005, S. 77. Meldung 1: Harlow 1936, S. 100. Meldung 3: Field 1866, S. 258–259. Meldung 5: Thoreau 1854. Meldung 7: Postman 2005, S. 75.

Mit dem Fernsehen ziehen wir in die Guckguck-Welt ein

S. 78POSTMAN-TEXT1985
78 KOMMANDOZENTRALE
Kein Alter, keine Armut, kein Bildungsgrad, kein Thema bleibt draußen.
78 META-MEDIUM
Es bestimmt, was wir über andere Medien wissen. Sogar über den Computer.
79 MYTHOS
So normal, dass kaum noch jemand fragt, was es mit uns macht.

USA, 1984

98%

der Haushalte haben einen Fernseher.

7:08

Stunden läuft er dort im Schnitt pro Tag.

Zahlen für 1984, nicht aus Postmans Buch

Postman nennt das die Epistemologie des Fernsehens: Es legt fest, was als Wissen und Wahrheit gilt, und sein Maßstab ist Unterhaltung. „Ernsthaftes Fernsehen“ nennt er einen Widerspruch in sich (S. 78–80).
Postman 2005, S. 78–80. Zahlen: The Christian Science Monitor, 10.6.1985; als Hauptquelle solcher Zahlen nennt der Artikel die Firma Nielsen.

Und dann sitzt Postman selbst im Fernsehen

THE OPEN MIND14.12.1985

Gesprächssendung „The Open Mind“. Der Historiker Richard Heffner befragt Postman 28 Minuten lang zu seinem Buch.

Ausschnitt ab
2:08

Heffner: Ein Fernsehkritiker in einer Talkshow?Postman: eine untypische Sendung. Sie überlebe vielleicht nur, weil sie nicht gegen Unterhaltung antreten müsse.

4:48

“… thinking is not a performing art.”Bei den großen Sendern dauert eine Einstellung im Schnitt 3,5 Sekunden.

13:28

Technik ist das Gerät. Medium ist der Gebrauch, den wir davon machen.

25:38

Geändert haben sich unsere Gewohnheiten, wohl kaum unser Gehirn. Wir sehen die Welt in Bruchstücken.

Eine gute Geschichte.
Stimmt sie?

  1. StärkenWas hat Postman richtig gesehen?
  2. GrundannahmenWorauf baut das Kapitel, und trägt das?
  3. HeuteWas zeigen aktuelle Zahlen?

Was Postman früh richtig gesehen hat

  1. Er fragt nach der FormAlle reden über Inhalte. Postman fragt, was das Medium selbst mit uns macht (S. 79).
  2. Er gibt uns einen TestWas fange ich mit dieser Nachricht an? Das lässt sich an jeder Meldung ausprobieren (S. 68).
  3. Er beschreibt 1985 den FeedMeldungen ohne Zusammenhang, die einander verdrängen. Fakten, die nur zum Spielen taugen (S. 69–70, 76).

Die Beschreibung überzeugt. Bei den Annahmen dahinter wird es schwieriger.

Postman 2005, S. 68–70, 76 und 79. Die Auswahl der drei Stärken ist unsere.

Vorab ein kurzer Faktencheck

Binnen Monaten verliert das Lokale seinen Platz in der Zeitung.Postman, S. 66

übertrieben

New York hing erst 1846 am Netz. Breit zugänglich wurde der Telegraf erst 1910.Harlow 1936; John 2010

Der Telegraf macht Information zur belanglosen Ware.Postman, S. 65–67

einseitig

Genutzt wurde er vor allem geschäftlich. Getreidepreise in Buffalo: 1846 vier Tage hinter New York, 1848 gleichzeitig.Nonnenmacher 2001

Ein Foto kann nicht argumentieren.Postman, S. 72–73

halb richtig

Jacob Riis warb 1892/93 mit Fotos für die Schließung von Obdachlosenasylen, in Artikeln und einem Vortrag. Sie kam 1896.Library of Congress

Und der Rest?

stimmt meist

Der 24. Mai 1844, die Meldung im Baltimore Patriot und das Thoreau-Zitat sind belegt.Library of Congress; Harlow 1936; Thoreau 1854

Harlow: Old Wires and New Waves (1936), S. 100 und 111–112; Nonnenmacher, EH.Net 2001; John: Network Nation (2010), nach Verlagsangabe; Library of Congress, „Jacob Riis“ und „Today in History“.

Grundannahme 1: Das Medium bestimmt, wie wir denken

Postman, S. 78–80

Das Fernsehen legt fest, was als Wissen gilt. „Ernsthaftes Fernsehen“ ist für ihn ein Widerspruch in sich.

Raymond Williams, 1974, damals gegen McLuhan

Technik wirkt nicht von allein. Dahinter stehen Geschäftsinteressen und politische Entscheidungen.

Aarts und Semetko, 2003, Niederlande: Fernsehnachrichten gehen einher mit
öffentlich-rechtlichmehr Wissen, höhere Wahlbeteiligung
kommerziellweniger Wissen, geringere Beteiligung
Unsere Probe: 173 Standbilder aus der Sendung, alle zehn Sekunden eines

Postman alleinHeffner alleinbeide 5 %Vor- und Abspann 5 %

Kein Einspieler, keine Grafik. Das Bild bleibt ruhig.

Postman selbst, in der Sendung

Er trennt Technik und Medium (13:28). Technikdeterminist sei er nur an drei Tagen der Woche (17:49).

Richtig ist: Die Form prägt den Inhalt. Aber sie ist gemacht. Es kommt darauf an, wer sendet und wovon der Sender lebt.

Williams: Television (1974), nach Verlagsangabe und Potts 2008; Aarts/Semetko, The Journal of Politics 65 (2003), Daten von 1998; The Open Mind, Teil I (14.12.1985) und Teil II (18.1.1986); Standbilder: eigene Auswertung.

Grundannahme 2 und 3: zu schön, zu streng

Früher war es besser

Postman, S. 66

Vor dem Telegrafen war Information lokal und brauchbar.

Michael Schudson, 2000; Rainald Merkert, 1986

Ein goldenes Zeitalter gut informierter Bürger lässt sich nicht belegen. Schon 1986 kommt die Frage, ob Postman das alte Amerika „nostalgisch verklärt“.

Nachrichten müssen nützen

Postman, S. 65 und 68

Der Wert einer Nachricht liegt darin, dass man nach ihr handeln kann.

Michael Schudson, monitorial citizen

Bürger überfliegen die Lage und werden wach, wenn es ernst wird. Dafür genügen oft Schlagzeilen.

Beide Annahmen sind zu streng. Seine Frage bleibt gut: Was fange ich mit einer Nachricht an?

Schudson: „America’s Ignorant Voters“, The Wilson Quarterly 2000; ders.: „Changing Concepts of Democracy“, MIT Communications Forum; Merkert, Communicatio Socialis 19 (1986), S. 130–141, hier S. 138.

1985 der Fernseher, 2026 der Feed

an niemanden im Besonderen Kriegsbild Kochrezept Tanzclip auf mich zugeschnitten
54%

holen sich jede Woche Nachrichten aus sozialen Medien und von Videoplattformen. 2026 liegt das zum ersten Mal vorn, knapp vor dem Fernsehen (52 %).Reuters Institute 2026, Online-Befragung in 48 Ländern

Gilt Postmans Beschreibung auch dort? Vier Prüffragen:

  1. Verdrängt das Bild das Wort?
  2. Sind Nachrichten belanglos?
  3. Machen sie machtlos?
  4. Kommen sie zusammenhanglos?
Reuters Institute Digital News Report 2026. „An niemanden im Besonderen“: Postman 2005, S. 67, dort über Telegrafenmeldungen. Das Feed-Beispiel und die Prüffragen sind von uns.

Verdrängt das Bild das Wort? Schätzt mal

Menschen ab 14 Jahren in Deutschland nutzen im Schnitt 385 Minuten Medien am Tag.Wie viel Prozent dieser Zeit sind Text, also Lesen?

0255075100 %
erhoben: 14 %
Video 49 %, das sind 199 Minuten
Audio 37 %, 151 Minuten
Text 14 %, 56 Minuten

Bild und Ton überwiegen. Aber in 48 Ländern sagen 55 %, dass sie Nachrichten im Netz lieber lesen als anschauen. Verdrängt ist das Lesen nicht.

ARD/ZDF-Medienstudie 2026: 2.462 Befragte ab 14 Jahren (Müller, Media Perspektiven 26/2026). Anteile bezogen auf die Summe der drei Arten, 406 Minuten. Lesevorliebe: Reuters Institute 2025 (48 Länder).

Belanglos, machtlos, zusammenhanglos?

spricht für Postmanspricht dagegen

sagen in den USA: Die meisten Nachrichten haben mit meinem Leben nichts zu tun.Pew Research Center 2026

48%
Belanglos?
66%

sagen dort auch: Nachrichten helfen mir im Alltag, zumindest ein wenig.Pew Research Center 2026

meiden in 48 Ländern Nachrichten oft oder manchmal. 2017 waren es 29 %.Reuters Institute 2026

42%
Machtlos?
16%

derer, die Nachrichten meiden, nannten 2022 Ohnmacht als Grund.Reuters Institute 2022, 46 Länder

stoßen in den USA meist zufällig auf Nachrichten. 2019 waren es 39 %.Pew Research Center 2026

49%
Zusammen­hanglos?
50%

suchen Nachrichten weiterhin gezielt.Pew Research Center 2026

Die Beschreibung trifft auf etwa die Hälfte zu. Als Grund nennen nur wenige Ohnmacht.

Eddy u. a., Pew Research Center, 11.2.2026 (3.560 Erwachsene in den USA, befragt im Dezember 2025); Reuters Institute Digital News Report 2026 (48 Länder) und 2022 (46 Länder), jeweils Online-Befragungen.

Das Oxford-Wort des Jahres 2024 ist über 170 Jahre alt

brain rot

Oxford-Wort des Jahres 2024, gewählt von über 37.000 Menschen. Gemeint ist der vermeintliche geistige Abbau durch zu viel anspruchslosen Inhalt, vor allem aus dem Netz.

Thoreau, „Walden“, 1854

“While England endeavors to cure the potato-rot, will not any endeavor to cure the brain-rot, which prevails so much more widely and fatally?”

England müht sich, die Kartoffelfäule zu heilen. Will denn niemand die Hirnfäule heilen, die viel weiter verbreitet und viel tödlicher ist?

Postman schrieb 1985, über das Fernsehen selbst rede kaum noch jemand, nur über seine Inhalte (S. 79). Heute hat das Problem einen Namen. Aber auch „brain rot“ meint die Inhalte, nicht die Form.

Oxford University Press, Mitteilung vom 2.12.2024. Thoreau: Walden (1854), Schlusskapitel. Thoreau meinte die Vorliebe für einfache Gedanken, nicht Medien.

Unsere These

Nicht das Gerät ist das Problem.
Es ist die Form, und die ist gemacht.

  1. Was er richtig siehtNachrichten ohne Zusammenhang und ohne Folgen: Das beschreibt den Feed, für etwa die Hälfte der Leute.
  2. Wo er zu kurz greiftEr gibt dem Gerät die Schuld. Aber derselbe Bildschirm zeigt 28 Minuten Gespräch oder endlose Schnipsel.
  3. Was wir mit Form meinenWie Inhalte gebaut sind: Länge, Reihenfolge, was belohnt wird. Das hat jemand entschieden.

Das zeigen wir jetzt: mit einem Beleg, mit zwei Proben und mit dem, was daraus folgt.

Die These ist unsere. Beleg und Proben stehen auf den Folien 23 bis 25.

Der Beleg: dasselbe Gerät, zwei Formen

so beschreibt es Postmandasselbe Gerät, andere Form
Sendungen der großen SenderEine Einstellung dauert im Schnitt 3,5 Sekunden.Postman in „The Open Mind“, 4:48
FernseherUSA, 1985
The Open Mind28 Minuten Gespräch über ein Buch. Auf 70 % der Standbilder spricht einer allein.eigene Auswertung, Folie 16
Kommerzielle Nachrichtengehen einher mit weniger Wissen und geringerer Wahlbeteiligung.Aarts und Semetko 2003
FernseherNiederlande, 1998
Öffentlich-rechtliche Nachrichtengehen einher mit mehr Wissen und höherer Wahlbeteiligung.Aarts und Semetko 2003
FeedKriegsbild, Kochrezept, Tanzclip. Ohne Ende und auf mich zugeschnitten.unser Beispiel von Folie 18
Smartphoneheute
Warn-App NINAÜber 12 Millionen nutzen sie. Eine Meldung, nach der man handeln kann.BBK, 7.7.2025

Dreimal dasselbe Gerät, jedes Mal zwei Formen. Am Gerät liegt es also nicht.

The Open Mind, Teil I (14.12.1985); Standbilder: eigene Auswertung; Aarts/Semetko, The Journal of Politics 65 (2003), Daten von 1998; BBK, 7.7.2025. Die Gegenüberstellung ist unsere.

Probe 1: zwei Sätze von 1985, neu gelesen

Postman 1985

Nachrichten kommen ungefragt, und antworten können wir nicht (S. 69).

2026

Wir antworten ständig, mit Likes und Kommentaren. Aber die Antwort geht an eine Maschine und wird Rohstoff für die nächste Meldung.

Postman 1985

Sehen ersetzt Lesen als Grund, etwas zu glauben (S. 74).

2026

Seit es Bildgeneratoren gibt, reicht Sehen nicht mehr. Ob ein Bild echt ist, klären Quelle und Begleittext.

Der erste Satz gilt weiter, nur schneller. Beim zweiten bekommt das Wort seinen Vorrang zurück: ein später Punkt für Postman.

Links Postman 2005, S. 69 und 74. Die Übertragung auf 2026 ist unsere.

Probe 2: der Chatbot und dieselben vier Prüffragen

10 % holen sich jede Woche Nachrichten bei KI-Chatbots (48 Länder), in Deutschland 5 %.

  1. Verdrängt das Bild das Wort?

    nein

    Er antwortet überwiegend in Text.

  2. Belanglos?

    eher nicht

    Man fragt selbst, nichts kommt ungefragt (anders als S. 69).

  3. Machtlos?

    weniger

    Man kann nachfragen, auch: Was kann ich tun? (anders als S. 68–69)

  4. Zusammenhanglos?

    hier hakt es

    Die Antwort klingt zusammenhängend. Woher sie kommt, bleibt oft unklar.

EBU und BBC, 2025: 2.709 Antworten von vier KI-Assistenten auf Nachrichtenfragen
45%

hatten mindestens ein erhebliches Problem.

31%

hatten erhebliche Mängel bei den Quellen.

Ein Chatbot ist ein Gespräch, wenn man nachfragen und nachprüfen kann. Sonst ist er nur die nächste Meldung.

Nutzung: Reuters Institute und Hans-Bredow-Institut 2026. Studie: EBU/BBC, News Integrity in AI Assistants (2025), S. 6–10; kostenlose Versionen, Mai und Juni 2025. Die Einordnung in die vier Prüffragen ist unsere.

Und ihr? Hat Postman recht?

Ja. Der Feed ist die Guckguck-Welt.

Teils. Er beschreibt es richtig, erklärt es aber falsch.

Nein. Zu düster und zu einseitig.

Keins davon. Anders oder unentschieden.

Die Folge: Wer kann die Form ändern?

  1. Wer sie bautOb die Quelle vorn steht, entscheidet der Entwurf. Bei den Chatbots stellt sie bisher keiner nach vorn (EBU/BBC 2025, S. 53).
  2. Wer sie bezahltWer bezahlt, bestimmt, was die Form belohnt: Verweildauer oder Verstehen.
  3. Wer sie regeltIn der EU müssen sehr große Plattformen ihre Empfehlungen auch ohne Profiling anbieten (Digital Services Act, Art. 38).

Für uns im Computer Engineering: Solche Formen bauen später wir.

SVT in EBU/BBC: News Integrity in AI Assistants (2025), S. 53; Verordnung (EU) 2022/2065 (Digital Services Act), Art. 38. Die drei Hebel sind unsere Folgerung.

Das nehmt ihr mit

  1. Postman sagtTelegraf und Foto lösen Nachrichten aus ihrem Zusammenhang. Das Fernsehen macht daraus Unterhaltung.
  2. Wir sagenDie Beschreibung passt auch auf den Feed. Schuld ist aber nicht das Gerät, sondern die Form, und die ist gemacht.
  3. Drei Fragen für den AlltagWas fange ich mit dieser Nachricht an? Woher kommt sie? Wer verdient an ihrer Form?
Erste Frage nach Postman 2005, S. 68. Dritte Frage nach Postman: „Informing Ourselves to Death“ (Stuttgart 1990).

Danke für eure
Aufmerksamkeit.

Jetzt ihr. Drei Fragen zur Diskussion:

  1. Welche Nachricht hat diese Woche geändert, was ihr tut?
  2. Ist eine Chatbot-Antwort ein Gespräch oder nur die nächste Meldung?
  3. Was müsste ein Feed können, damit aus Information Handeln wird?

Quellen zu Text, Video und Geschichte

Primärquellen

Postman, Neil: Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business. 20th Anniversary Edition. New York: Penguin Books 2005 [zuerst 1985]. Kapitel 5: „The Peek-a-Boo World“, S. 64–80.

Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Übersetzt von Reinhard Kaiser. Frankfurt am Main: S. Fischer 1985. Inhaltsverzeichnis: d-nb.info/860063038/04

The Open Mind: „Are We Amusing Ourselves to Death?“ Gastgeber und Produzent Richard D. Heffner, Gast Neil Postman. Teil I, aufgezeichnet am 14.12.1985, 28:36 Minuten: archive.org/details/openmind_ep1091 (Internet Archive, Sammlung „The Open Mind“; in der Aufgabenstellung verlinkt als youtube.com/watch?v=W36sM3_KY0k). Teil II, aufgezeichnet am 18.1.1986, 28:54 Minuten: archive.org/details/openmind_ep1092 Transkripte beim Sender Thirteen/WNET: thirteen.org/openmind-archive/media/are-we-amusing-ourselves-to-death-part-i/ und …-part-ii/

Postman, Neil: „Informing Ourselves to Death“. Vortrag vor der Gesellschaft für Informatik, Stuttgart, 11.10.1990. web.williams.edu/HistSci/curriculum/101/informing.html

Thoreau, Henry David: Walden; or, Life in the Woods. Boston 1854. gutenberg.org/files/205/205-h/205-h.htm Schlusskapitel: digitalthoreau.org/walden/fluid/text/18.html

Bildnachweis

Video und Standbilder auf den Folien 3, 12 und 16: The Open Mind, Teil I (siehe oben), aus dem Internet Archive. Zählung auf Folie 16: an den 173 Vorschaubildern der YouTube-Fassung. Alle Zeichnungen sind von uns.

Telegraf und Presse

Library of Congress: „What Hath God Wrought?“ Today in History, 24. Mai. loc.gov/item/today-in-history/may-24/

Harlow, Alvin F.: Old Wires and New Waves. The History of the Telegraph, Telephone, and Wireless. New York: Appleton-Century 1936, S. 100, 107–109 und 111–112. archive.org/details/oldwiresandnewwa031775mbp

John, Richard R.: Network Nation. Inventing American Telecommunications. Cambridge, Mass.: Belknap Press of Harvard University Press 2010 (hier nach der Verlagsangabe zur Taschenbuchausgabe von 2015). hup.harvard.edu/books/9780674088139

Nonnenmacher, Tomas: „History of the U.S. Telegraph Industry“. EH.Net Encyclopedia, 2001. eh.net/encyclopedia/history-of-the-u-s-telegraph-industry/

Crawford, Amy: „How the Associated Press Got Its Start 175 Years Ago“. Smithsonian Magazine, Mai 2021. smithsonianmag.com/arts-culture/associated-press-turns-175-years-old-180977462/

Encyclopaedia Britannica: „Associated Press“. britannica.com/topic/Associated-Press

Library of Congress, Chronicling America: „About The Sun (New York)“. chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83030272/

Field, Henry M.: History of the Atlantic Telegraph. New York: Scribner 1866 (Katalog des Digitalisats: 1867); Depesche vom 27.8.1858 auf S. 258–259. archive.org/details/historyofatlanti00fielrich

Marsh, Allison: „The First Transatlantic Telegraph Cable Was a Bold, Beautiful Failure“. IEEE Spectrum, 31.10.2019. spectrum.ieee.org/tech-history/heroic-failures/the-first-transatlantic-telegraph-cable-was-a-bold-beautiful-failure

Alle Internetquellen zuletzt geprüft am 7.10.2026.

Quellen zu Autor, Fotografie, Spielen, Fernsehen und Kritik

Autor und Buch

New York University: „NYU Professor Neil Postman, 72, Social Critic and Educator“. Nachruf, 2003. nyu.edu/about/news-publications/news/2003/september/nyu_professor_neil_postman_72.html

Encyclopaedia Britannica: „Neil Postman“. britannica.com/biography/Neil-Postman

Zaretsky, Robert: „A Jewish prophet of the 1980s would be horrified to see that we didn’t heed his warnings“. The Forward, 1.10.2024. forward.com/culture/659406/neil-postman-amusing-ourselves-to-death-40th-anniversary-jewish-prophet/

Fotografie, Spiele, Fernsehen

Daniel, Malcolm: „Daguerre (1787–1851) and the Invention of Photography“. The Metropolitan Museum of Art, 2004. metmuseum.org/essays/daguerre-1787-1851-and-the-invention-of-photography

Library of Congress: „Jacob Riis: Revealing How the Other Half Lives“, Abschnitt „Riis and Reform“. loc.gov/exhibits/jacob-riis/riis-and-reform.html

Encyclopaedia Britannica: „Life (American magazine)“. britannica.com/topic/Life-magazine

Salie, Faith: „Happy 100th birthday, crossword puzzle!“ CBS News, 15.12.2013. cbsnews.com/news/happy-100th-birthday-crossword-puzzle

The Strong National Museum of Play: „Trivial Pursuit“. museumofplay.org/toys/trivial-pursuit/

Kidder, Rushworth M.: „What the numbers mean“. The Christian Science Monitor, 10.6.1985. csmonitor.com/1985/0610/z2vid1.html

Boorstin, Daniel J.: The Image. A Guide to Pseudo-Events in America [zuerst als: The Image; or, What Happened to the American Dream. New York: Atheneum 1962]. Auszug aus Kapitel 1: columbia.edu/itc/journalism/j6075/edit/boor.html

Kritik an Postman

Williams, Raymond: Television. Technology and Cultural Form [zuerst 1974]. London: Routledge 2003 (hier nach der Verlagsangabe). routledge.com/Television-Technology-and-Cultural-Form/Williams/p/book/9780415314565

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Quellen zu den aktuellen Daten

Nachrichtennutzung

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